Mein Guilty Pleasure: „Maria Theresia“ zwischen Pop-Spektakel, Male Gaze und historischer Realität
Kaum jemand traut sich im hochkulturellen Kontext zu gestehen, dass er oder sie Musicals mag. Aber ja, ich, Sebastian Kießer, mag Musicals. Warum? Sie sind unverschämt nahbar. Sie packen Emotion, Schauspiel, Tanz und Musik in einen Sack, schütteln einmal kräftig durch und: zack, die Zuschauerinnen und Zuschauer sind im Bann und voll in das Bühnengeschehen gesogen.
Vor einer Weile bin ich auf Spotify über das Album von „Maria Theresia – Das Musical“ gestolpert. Das erste Hören war noch kein Ohrwurm, aber die Geschichte, die allein durch die Tonaufnahme transportiert wird, war packend. Was für eine starke Frau! Klar, mein Enthusiasmus war noch nicht ganz geweckt, da waren diese Möchtegern-Rap-Passagen, die wie ein schlechter Abklatsch vom Musical „Hamilton“ klingen, und diese platten denglischen Nummern wie „Working Mum“ oder die „alles easy“-Attitüde des lothringischen Dudes. Aber eins muss man den Vereinigten Bühnen Wien lassen: Die Orchestrierung ist schlichtweg genial.
Also lief das Album ein zweites, drittes und viertes Mal und wurde mit jedem Durchlauf besser, und als ich während meines letzten Wien-Aufenthalts zufällig am Ronacher vorbeilaufe und an der Abendkasse noch ein Ticket ergattern kann, sitze ich plötzlich mittendrin. Und? Tolles Licht, krasse Show. Es war ein Samstagabend, die zweite Show des Tages. Ja, das sieht und hört man einigen Darstellerinnen und Darstellern auch an, aber umso beglückender zu sehen, wie brillant die anderen abliefern. Schade nur, dass der Live-Ton im historischen Saal nicht mit der Spotify-Aufnahme mithalten kann. Die Live-Mischung und die Verstärkung von Gesang sind schlicht und einfach eben nicht trivial. Das geht auf jeden Fall besser.
Warum nun die Welt auf meinen Beitrag zu dem Musical gewartet hat? Gute Frage, nächste Frage. Mir kam auf jeden Fall die Frage in den Kopf, warum ich so wenig über die echte Maria Theresia weiß und was von dem Musical überhaupt historisch belegt ist. Kam sie wirklich wie im Musical auf den Thron?
Ein kleiner Zeitsprung ins Jahr 1713: Ihr Vater, Kaiser Karl VI., hatte das politische Dilemma keinen männlichen Erben zu haben. Um zu verhindern, dass das Habsburgerreich nach seinem Tod ohne Erben auseinanderfällt, erließ er die sogenannte „Pragmatische Sanktion“. Dieses Gesetz änderte die bisherigen Regeln und erlaubte erstmals die weibliche Thronfolge bei fehlendem männlichen Erben. Wie im Musical reflektiert dargestellt ist diese Regelung nicht als Frauenförderung zu interpretieren, sondern rein pragmatisch gedacht, um das Reich zu sichern. Ebenso wurde Maria Theresia nie auf die Herrschaft vorbereitet, da bis zuletzt auf einen männlichen Erben gehofft wurde. Statt dem männlichen Hofzeremoniell anzugehören durfte sie Sprachen und Tanz üben. Und nachdem Maria Theresia den Thron bestieg, fielen die europäischen Nachbarn wie Geier über ihr strukturell und militärisch veraltete Reich her.
Genau hier setzt das Musical an und hier offenbart sich auch die absurde strukturelle Dialektik der Produktion. Die Vereinigten Bühnen Wien bewerben eine weibliche Emanzipationsgeschichte unter dem Slogan „Der Mann des Jahrhunderts – das war eine Frau!“. Konzipiert wurde dieses Stück über eine visionäre Kämpferin in einer patriarchalen Welt aber von einem Leading Team, das vom Intendanten bis zum Lichtdesigner ausschließlich aus Männern bestand. Erst als öffentlicher Druck aufkam, holte man hastig externe feministische Beraterinnen dazu, um den befürchtet unreflektierten männlichen Blick auf diese Biografie abzumildern.
Was nehme ich aber mit, wenn die Exit Music verklungen ist? Das Musical „Maria Theresia“ ist ein fantastisches Stück Unterhaltung und ein Meisterwerk der Bühnentechnik, das völlig zu Recht Verkaufsrekorde bricht. Es nutzt die historische Figur als Projektionsfläche für moderne Diskurse über Empowerment und weibliche Behauptung in männlichen Domänen. Und genau das gefällt mir an der Produktion.
Was mir jedoch fehlt, ist die anschließende Relativierung. Das Musical ignoriert völlig, dass diese gefeierte Heldin in der Realität eine unerbittliche, oft grausame Machtpolitikerin war. Sie etablierte eine Sittenpolizei, schuf eine grausame Folterordnung, ließ tausende Protestanten deportieren und verjagte mitten im Winter abertausende Juden aus Prag. Von aufklärerischer Toleranz war da keine Spur. All diese historischen Grautöne und menschlichen Abgründe werden zugunsten eines glatten Empowerment-Narrativs unter den Teppich gekehrt, das dann in einer für meinen Geschmack viel zu schnulzigen Endnummer ertränkt wird. Ein bisschen mehr Mut zur echten, widersprüchlichen Geschichte hätte dieser starken Frau jedenfalls nicht geschdat.
Nichts desto trotz: Hör- und Sehempfehlung!
Fakten
Kinder
Lebensdaten: 13. Mai 1717 in Wien - 29. November 1780 in Wien
Eltern: Kaiser Karl VI. & Kaiserin Elisabeth Christine (geb. von Braunschweig-Wolfenbüttel)
Ehe: Liebesheirat (1736) mit Franz Stephan von Lothringen (später Kaiser Franz I. Stephan)
Regierungszeit: 1740 - 1780
Maria Theresia brachte innerhalb von 19 Jahren 16 Kinder (11 Töchter, 5 Söhne) zur Welt. Zehn von ihnen erreichten das Erwachsenenalter. Sie instrumentalisierte fast alle ihre Nachkommen auf dem europäischen Heiratsmarkt, um den Frieden zu sichern und Allianzen (besonders mit Frankreich) zu schmieden.