Warum wir im Theater endlich aufhören müssen, das Unvorhersehbare zu planen.
Oh, mein Corona. Wie lange ist denn das schon wieder her? 2020 hat dieser Spaß angefangen. Das ist ja schon wieder sechs Jahre her. Wie ich ausgerechnet heute darauf komme? Über meine nächste Leseempfehlung, dieses Mal zum Thema „Adaptive Leadership“.
Der HBR-Artikel, auf den ich gestoßen bin, wurde mitten im Pandemie-Chaos geschrieben. Dementsprechend ist er Pandemie-geprägt. Aber worum es mir geht, ist das Konzept, welches ich gerne auf den Kulturbetrieb übertragen möchte. Zum Beispiel ein imaginäres Stadttheater.
Für alle die den Originaltext lesen möchten: „5 Principles to Guide Adaptive Leadership“ by Ben Ramalingam et. al.
Warum ich über das Thema schreiben will? Weil ich es aus meiner Theatererfahrung nur zu gut kenne: Wir planen Spielpläne, als wären sie in Stein gemeißelt. Und dann kommt das Leben dazwischen. Ein wichtiger Darsteller fällt aus, das Publikum kauft im Sommer keine Karten oder die Stadt kürzt in der laufenden Spielplan-Saison die Mittel. Und schon stehen die Kulturschaffenden wie eine Maus vor der Boa. Am schlimmsten wird es, wenn das Chaos nun noch mit starren Regeln gebändigt werden soll.
So und jetzt zum Artikel und „Adaptive Leadership“. Also Führung, die eben nicht mit dem Kopf durch die Wand will, sondern vielleicht die Tür öffnet, oder ums Haus rum geht. Auf ein Theater übertragenbedeutet das, dass wir weg müssen vom dogmatischen Abarbeiten eines Plans und eine Haltung aufbauen sollen, die permanent lernt und sich entwickeln darf.
Wir müssen lernen, das Unvorhersehbare nicht als Feind zu sehen.
Das klingt jetzt sperriger als es ist. Im Kern geht es um eine simple Tatsache, die mir mein Theater-Alltag immer wieder vor Augen führt: Kein Leader ist Allwissend. Wenn wir Entscheidungen unter Druck treffen, und ja, das ist im Theater eher der Dauerzustand als die Ausnahme, dann neigen wir dazu, uns in unseren Abteilungen zu verbarrikadieren, anstatt die Herausforderung als gemeinsames Problem zu begreifen.
Adaptive Führung heißt für mich, den Prozess offener und agiler zu machen. Das ist nicht immer leicht, schließlich muss ich zugeben: „Ich weiß auch nicht genau, wie wir das lösen, aber lass uns den Weg gemeinsam suchen.“
Der Artikel listet hier (wer hätte das bei dem Titel gedacht) 5 Prinzipien auf, wie Prozesse offener und wendiger gestaltet werden können:
- Evidenzbasiertes Lernen:
Bauchgefühl ist gut, aber wenn wir merken, dass etwas nicht funktioniert, müssen wir etwas ändern. Wir brauchen Prozesse, um aus Erfolg oder Misserfolg zu lernen. - Stress-Testen von Annahmen:
Sind unsere Vorstellungen davon, was „gutes Theater“ ist, eigentlich noch aktuell? Will die Zuschauerin das Programm sehen, was am Theater so liebevoll und aufwändig produziert wird? Wir müssen unsere eigenen Überzeugungen regelmäßig auf die Probe stellen. - Entscheidungen erklären:
Ein „Das machen wir jetzt halt so“ motiviert keine*n Mitarbeiter*in. Wenn jemand von einer Idee oder einem eingeschlagenen Weg überzeugt werden soll, muss er oder sie wissen, warum die Entscheidung getroffen wurde. Das ist auch nur eine Form der Transparenz und Wertschätzung. - Fehlerkultur:
Ich brauche keinen Schuldigen und erst recht keine Schuldzuweisung. Nur Erkenntnisse helfen Lösungen zu erarbeiten. Wenn eine Produktion floppt, ist das so. Wenn ein Requisit nicht richtig eingerichtet ist, ist das so. Wichtig ist die Erkenntnis daraus und das Lernen aus den Fehlern. - Kollektives Handeln:
Ein Theater funktioniert nur, wenn die Leute aus den Werkstätten, der Maske, der Requisite (und und und) und dem Ensemble an einem Strang ziehen.
Quelle
Ramalingam, B., Nabarro, D., Oqubay, A., Carnall, R., & Wild, L. (2020, 11. September). 5 principles to guide adaptive leadership. Harvard Business Review. https://hbr.org/2020/09/5-principles-to-guide-adaptive-leadership