Authentic Leadership

Der Versuch eine Theatergruppe zu leiten und warum Bill George mir hilft meinen Druck zu reduzieren

Seit einigen Jahren versuche ich mich in der Leitung einer Amateurtheatergruppe, die mal mehr, mal weniger professionelle (oder eben nicht so professionelle) Produktionen zeigt. Erst nach und nach wird mir bewusst, wie vielschichtig Führung und gerade Führung in kulturellen Organisationen ist. Und ja, da kommt gleich das im Deutschen negativ konnotierte Wort „Führer“ von dem ich mich distanzieren möchte. Stattdessen nutze ich lieber das englische Wort „Leader“.

Um gleich direkt zu starten möchte ich als ersten Beitrag in diesem Blog das Thema Authentic Leadership aufgreifen. Warum ausgerechnet das? Weil ich gerade einen Text von Harvard Business Review von Bill George gelesen habe, den jeder gelesen haben sollte, der sich Gedanken zu Leadership macht oder selbst Verantwortung in einer Führungsposition übernimmt.

LESEEMPFEHLUNG: „Discovering Your Authentic Leadership“ by Bill George et. al.

„We all have the capacity to inspire and empower others. But we must first be willing to devote ourselves to our personal growth and development as leaders.“

(„Wir alle haben die Fähigkeit, andere zu inspirieren und zu stärken. Aber wir müssen zuerst bereit sein, uns unserem persönlichen Wachstum und unserer Entwicklung als Führungskräfte zu widmen.“)

(George et al., 2007)

Was macht die Studie nun mit 3.000 Seiten Transkript von qualitativen Interviews mit 125 Führungskräften? Die Forschenden suchen nicht nach dem perfekten Rezept für Leadership, das haben schon tausende Studien zuvor versucht und sind gescheitert. Allerdings, wie sagt man so schön: „Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt.“

Das (zumindest mich) insgeheim erleichternde Ergebnis der Autor*innen: Es gibt keinen Leitfaden zur perfekten Führungskraft. Kopieren von guten Leadern hat noch keinen zu einem besseren Menschen gemacht und wenn eine meiner Proben nicht so läuft wie sie soll, weiß ich, dass das auch anderen Regisseur*innen bereits passiert sein kann. Noch wichtiger: Es gibt keine bestimmten Eigenschaften mit denen ein Leader geboren werden muss, um erfolgreich zu sein und das bedeutet: Authentisches Leadership ist trainierbar und dazu gehört auch mal eine nicht so gute Probe.

Die Studie zeigt aber, und jetzt wird es spannend, dass Führung auch ein egoistisch aussehendes Projekt sein kann und auch sein darf: Führungserfolg basiert auf der eigenen Lebensgeschichte. Die befragten Leader zogen ihre Stärke erstaunlich oft aus den Momenten, in denen es im Leben richtig gekracht hat, durch Krankheiten, Kündigungen oder das Gefühl, ausgegrenzt zu werden. Der Trick ist aber nicht, sich im Leid zu suhlen, sondern die Rückschläge umzudeuten, so dass der eigentliche, innere Antrieb freigelegt werden kann.

Dazu gehört aber auch ein Schritt der wehtut: Die Überwindung der eigenen Verleugnung. Ja! Üblicherweise möchte das eigene Ego gestreichelt werden, wer kennt das nicht?! Authentische Führungskräfte zeichnen sich laut dem Artikel dadurch aus, dass sie Feedback annehmen, auch das, und gerade das, das sie nicht hören wollen. (Kleiner Vergleich, eine scheiternde Beziehung liegt nicht nur am Geschmack bei der Partnerwahl, sondern vielleicht auch am eigenen Verhalten; auch diese Erfahrung kann ich gut auf den Kulturbetrieb übertragen.)

Die tatsächlichen Werte einer Person erweisen sich dabei erst, wenn es ungemütlich wird. Es ist einfach, idealistische Prinzipien zu predigen, solange keine Hindernisse im Weg sind. Sobald aber persönliche Erfolge oder das eigene Ansehen auf dem Spiel stehen, entscheidet sich, welche Kompromisse man eingeht und wo der innere moralische Kompass die Richtung vorgibt.

Nachhaltige Führung erfordert am Ende doch wieder Balance. Balance zwischen äußeren Anreizen wie Status (oder im Theater dem Applaus) und den intrinsischen Motiven, die aus dem Wunsch nach persönlichem Wachstum resultieren. Um in diesem Spannungsfeld nicht zu vergessen, wo vorne und wo oben ist, schreiben die Autor*innen wie wichtig ein verlässliches Unterstützungsteam und eine ganzheitliche Lebensführung ist. Für mich zeigt das: Auch wenn ich privat anders sein kann als auf der Probe, wenn ich als Leader nur etwas „spiele“, dann gehe ich zu Grunde. Auch im professionellen Umfeld, darf Mensch, Mensch sein und seine persönlichen Prägungen zeigen.

Schön finde ich, dass jede*r über sich und sein Auftreten in unterschiedlichen Kontexten reflektieren kann, darf und manchmal auch sollte:

  • Welche Erlebnisse haben mich am meisten geprägt?
  • Anhand welcher Methoden überprüfe ich mein Handeln?
  • In welchem Verhältnis stehen eigentlich meine Sehnsucht nach Anerkennung und mein innerer Antrieb?

Für alle, die noch ein bisschen tiefer eintauchen wollen: Unbedingt den originalen Artikel lesen. Macht Spaß und bereichert! (Man muss kein Genie sein, um eine Gruppe anzuleiten. Man braucht nur ein bisschen Mut, sich selbst in die Quere zu kommen.)

Quelle:

George, B., Sims, P., McLean, A. N., & Mayer, D. (2007). Discovering Your Authentic Leadership. Harvard Business Review, 85(2), 129–138. https://hbr.org/2007/02/discovering-your-authentic-leadership

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